“Wer wirklich Kinder will, der schafft es auch!” – Meine Antwort.

Ich habe mit großem Interesse den Post von DerLiebenNessy gelesen und das Bedürfnis gespürt auch meinen Senf dazuzugeben.

Ich habe schon viele Leute sagen hören, “Wer wirklich Kinder will, der schafft es auch!”. Das mag auch stimmen, aber zu welchem Preis.

Nehmen wir an, ein Mädchen weiß bereits mit 17 Jahren, dass sie liebend gerne Kinder hätte. Das ist eine sehr gewagte These, da die meisten Mädchen vernünftigerweise sich sehr wohl bewusst sind, dass Kinder bekommen erst Sinn macht, wenn auch die finanziellen Mittel sowie eine solide Partnerschaft vorhanden sind. Nichtsdestotrotz wollen wir einfach davon ausgehen. Das Familienministerium würde bei solch einer Einstellung mit Sicherheit Luftsprünge machen.

Mit 19 Jahren weiß das Mädchen in Absprache mit dem Freund auch den Namen des ersten Kindes schon. Viele sagen vielleicht, das sei eine Traumspinnerei von zwei Teenagern, aber auch das tut nichts zur Sache.

Mit 20 Jahren erfährt das junge Paar, dass es keine Kinder bekommen kann. Und hier fängt auch meine Antwort an.

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Welcher Preis:

1. künstliche Befruchtung

Ich kenne die unterschiedlichsten Behandlungen bei Kinderwunsch, deren Vorgehensweise, die psychischen und physischen Belastungen sowie die Kosten für Reproduktionsmedizin wie meine eigene Westentasche. Viele Paare werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass es kein Zuckerschlecken ist. Selbst wenn die finanziellen Mittel gegeben sind und man eine teilweise Unterstützung der Krankenkasse erwarten kann, so werden es sich dennoch nur ein Bruchteil der betroffenen Paare leisten können, eine Behandlung zu beginnen. Selbst wenn eine Behandlung möglich ist, so liegen die Chancen einer (intakten) Schwangerschaft pro Versuch nur bei optimistischen 40 %. In der Zwischenzeit muss das Paar mehrmals wöchentlich zum Arzt, der auch mal gut und gerne ein paar hundert Kilometer entfernt sein kann. Ganz zu schweigen von den täglichen Hormonspritzen, der Narkose und der natürlich entkräftenden Operation. Dabei gibt es durch die grundsätzliche Vorerkrankung, welche die Sterilität ausgelöst hat, oft auch ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten. Und damit zum psychischen Aspekt. Ein gesunder Mensch mit intakter Psyche mag vielleicht mit ein wenig Stress, körperlicher Erschöpfung, Hormonschwankungen und intensives Gedankenkreisen klar kommen, aber was wenn dann noch eine oder mehrere Fehlgeburten dazukommen. Was wenn der Partner nach ein paar Versuchen aufgeben möchte (sofern er/sie sich dazu überhaupt bereit erklärt hat). Was wenn eine Schwangerschaft eintritt, das Kind aber Fehlbildungen hat.

Ist dieser Preis vielleicht zu hoch?

2. Adoption

Deutschland, nach der Meinung vieler Lehrer, Politiker und Gelehrten, eines der reichsten Länder Europas. Meine Meinung: Vielleicht eines der am wenigsten Verschuldeten in Europa. Und doch sollte man meinen, die Debatten in den letzten Jahren geben den Eindruck, dass in Deutschland Kinder fehlen. Trotzdem werden den Paaren mit Adoptionswunsch so viele bürokratische Steine in den Weg gelegt, wie es nur in Deutschland möglich ist. Abgesehen von den enormen Auflagen in finanzieller und privaten Angelegenheiten, müssen Paare, welche diese Anforderungen erfüllen oftmals 10 Jahre auf ein Kind warten. Selbst wenn sie sich mit frühen 25 Jahren dafür entscheiden und sowohl eine stabile Partnerschaft, eine große Wohnung und finanzielle Absicherung haben, können sie damit rechnen ihr Kind nicht vor dem eigenen 40.Geburtstag zur Einschulung zu bringen. Dazu ist es in Bayern z.B. Auflage sein adoptiertes Kind katholisch taufen zu lassen, egal welcher Religionsgemeinschaft und v.A. welcher persönlicher Überzeugung über die Existenz oder Nichtexistenz eines höheren Wesens.

Man könnte auch wegziehen und in einem anderen (Bundes-) Land adoptieren, seinen Job aufgeben, den Freundeskreis, evtl. die Familie zurücklassen.

Aber ist dieser Preis vielleicht zu hoch?

Liebe Nessy: Danke für diesen Denkanstoß und deinen Mut, das alles einmal auszusprechen. Auch wenn das Familienministerium wahrscheinlich keine großen Gedanken daran verschwendet: Ich stimme dir voll und ganz zu!

Liebes Familienministerium: Wenn wir reichen Deutschen doch so reich und erbarmungswürdig kinderlos sind, wo sind dann die Gesetzesänderungen, die kinderlosen Menschen unter die Arme greifen bzw. ihnen wenigstens keine Steine in den Weg werfen.

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